- Süddeutsche Zeitung,
29.07.2002 17:05 Uhr
- SZ-Serie Schatzsuche"
Zum
Original:
http://www.sueddeutschezeitung.de/ausland/artikel/414/3411/
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- Im Land der
Schoschonen
-
- Der lange Kampf der
Ureinwohner um ihr Territorium. Vor Gerichten streiten
die Indianer um ein riesiges Gebiet im Nordwesten der
USA, das ihnen einst vertraglich zugesichert worden
war.
- Von Wolfgang Koydl
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- "Die Erde gehört dir
nicht. Wenn du stirbst, kannst du sie nicht mitnehmen.
Du gehst zurück in die Erde. Du gehörst
ihr."
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- Te Moak und seine Krieger
staunten nicht schlecht über die Gastfreundschaft
des weißen Mannes. Denn es war eigentlich nicht
üblich, dass man ihnen ein Festmahl auftischte.
Aber auch das Fleisch kannten sie nicht, das in den
Töpfen dampfte. Doch die Gastgeber ließen
sie nicht lange im Ungewissen:
Es war Menschenfleisch. Die Weißen hatten einen
Indianer gefangen, gehängt und anschließend
gekocht. [Siehe
hierzu das SPIEGEL-TV-Interview von Paul Nellen mit
Chief Yowell aus dem Jahr 1993, Quicktime, 8.8
MB]
Man schrieb den 1. Oktober 1863. Der Westen war wild,
das Leben eines Indianers galt nicht viel hier
draußen in Nevada, und die Soldaten der US-Armee
dürften sich köstlich amüsiert haben
über ihren grausamen Scherz. Für die
Schoschonen war es nicht die einzige Erniedrigung, die
sie an jenem Tag erdulden mussten.
Sie waren einbestellt worden, um einen Friedens-
und Freundschaftsvertrag" mit der Regierung der
Vereinigten Staaten zu unterzeichnen. Doch mit
Freundschaft hatte das Abkommen wenig zu tun.
Es war eher ein Diktat der Unterwerfung. Bedingungslos
mussten die Schoschonen ihre Jagdgründe Siedlern,
Soldaten und Spekulanten öffnen. Der
Präsident, der große weiße Vater in
Washington, erhielt sogar das Recht, den Schoschonen
ihre nomadische Lebensart zu verbieten &endash;
wann immer er es als zweckdienlich für sie
erachtet".
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- Nur eines gaben die Schoschonen
nicht auf: ihr Land. Vielleicht war es ein Versehen
der Anwälte, die das Papier aufsetzten,
vielleicht dachten die Amerikaner sowieso nie daran,
den Vertrag einzuhalten.
Tatsache aber ist, dass Artikel V des Vertrages von
Ruby Valley penibel die Grenzen des schoschonischen
Territoriums beschreibt &endash; 90.000
Quadratkilometer von Idaho im Norden und Utah im Osten
quer durch ganz Nevada bis kurz vor die heutigen
Stadtgrenzen von Los Angeles im Süden; ein
Territorium von der Größe
Österreichs.
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- » Für unser Land
besitzen sie keine Grundbucheintragung
«
-
- Und das Land blieb im Besitz
der Ureinwohner. Sie verkauften es nicht, sie traten
es nicht ab, sie wurden nicht enteignet. Damit sind
die westlichen Schoschonen neben den Sioux und den
Hopi die einzigen Indianer Nordamerikas, die heute
noch Rechtsansprüche auf ihr traditionelles
Siedlungsgebiet geltend machen können.
Ganz Amerika gehört den Weißen? Nein,
sie konnten ihren Landraub nicht beenden, denn
für unser Land besitzen sie keine
Grundbucheintragung", bekräftigt Lois Whitney.
- Sie ist Aktivistin des in der
Kleinstadt Elko im Norden Nevadas ansässigen
Western Shoshone Defense Project", einer
Organisation, die politisch und juristisch für
das Recht der West-Schoschonen auf ihren Grund und
Boden kämpft.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert zieht sich
dieser Konflikt schon hin. Er hat die Justiz bis
hinauf zum Obersten Gerichtshof beschäftigt, und
inzwischen liegt auch dem Kongress in Washington ein
Gesetzentwurf zur Entschädigung der Schoschonen
vor.
-
- » Wenn wir unseren Fall
verlieren, dann wird dieser Diebstahl
nachträglich legitimiert. «
-
- Dass der Streit noch nicht
beigelegt ist, liegt unter anderem daran, dass mehr
auf dem Spiel steht als eine Wüstenei im Westen
der USA. Denn es geht auch um die Geschichte eines
großen Unrechts: des größten
Landraubs in der Geschichte der Menschheit. Wenn
wir unseren Fall verlieren", meint die Schoschonin
Carrie Dann, dann wird dieser Diebstahl
nachträglich legitimiert."
Land war von Anfang an der Magnet, der die Menschen
nach Nordamerika zog. Anders als im engen Europa gab
es hier unermessliche Territorien, die nur darauf
warteten, urbar gemacht, bestellt, besiedelt,
ausgebeutet zu werden.
Land für Rinder und Pferde; Land für Mais
und Getreide; Land für Bergwerke, Eisenbahnen,
Telegrafenleitungen und schließlich auch Land
für Raketentestgelände und
Atommüll-Endlager. Land &endash; das war schon
immer die Mutter aller Ressourcen, und in Amerika hat
der weiße Mann es sich einfach genommen.
Das begann mit dem Erwerb von Manhattan für eine
Handvoll Glasperlen und endete Jahrzehnte später
an der Pazifikküste.
Der Kampf um den Rohstoff Land war von Anfang an
ungleich. Wo sich die Weißen Ackerland und
Weiden, Wälder und Wiesen nicht einfach mit
Gewalt aneigneten, da verfielen sie auf Lug und
Trug.
Mehr als 400 Verträge haben US-Regierungen mit
indianischen Völkern geschlossen &endash; und
jeden gebrochen. Das erste solche Abkommen schlossen
die USA nur zwei Jahre nach ihrer Unabhängigkeit
1778 mit den Lenape-Indianern in Delaware. Sie
hätten sich die Mühe sparen können;
drei Jahrzehnte später war dieses Volk ohnehin
ausgerottet worden.
Das Muster wiederholte sich während des ganzen
19. Jahrhunderts: Indianer wurden vertrieben, dann
sagte man ihnen neue Territorien zu, nur um sie erneut
daraus zu vertreiben, wenn weiße Siedler,
Rancher, Goldgräber und Industrielle begehrliche
Blicke auch auf dieses Land warfen.
Heute leben die meisten Indianer Nordamerikas in
entlegenen und verarmten Reservaten. Meist sind es
Landstriche, die so unfruchtbar und arm sind, dass
niemand sie haben wollte.
Nur die Schoschonen haben den Kampf um ihr Land nicht
aufgegeben. Sie kämpfen mit den Waffen des
weißen Mannes &endash; mit Anwälten und
Klageschriften, einstweiligen Verfügungen und
Einsprüchen.
Ihr Fall füllt Regalmeter von Aktenordnern, er
beschäftigte zahllose Anwälte. Aber es sieht
so aus, als ob die amerikanische Gesellschaft, die
amerikanische Regierung auch diesmal wieder obsiegen
würden. Denn das einst wertlose Gelände in
Nevada ist mittlerweile Gold wert &endash; und zwar im
Wortsinne.
Bis zu 50 Prozent allen amerikanischen Goldes wird auf
schoschonischem Territorium gefördert. Zudem
unterhalten die Streitkräfte dort große
Stützpunkte, und auch Yucca Mountain, in dessen
Stollen die USA ihren radioaktiven Abfall endlagern
wollen, ist schoschonisches Land.
Die Geschichte des Konflikts begann Anfang der
fünfziger Jahre, als der amerikanische Staat den
West-Schoschonen aus heiterem Himmel
Entschädigung für verlorenes Land anbot. Bis
auf wenige Ausnahmen lehnten die Indianer die Offerte
ab.
Denn der Boden, so argumentierten sie mit Blick auf
den Vertrag von Ruby Valley, gehöre ihnen
schließlich noch immer. Aber die Einwände
fruchteten nichts: Im Jahre 1962 beschloss Washington
einseitig, dass die Schoschonen ihr Land aufgrund
allmählicher Anmaßung durch
Weiße, Siedler und andere" verloren
hätten.
Der Staat bestimmte ein fiktives Datum für diesen
Vorgang und eine ebenso fiktive
Entschädigungssumme: den 1. Juli 1872 und
kümmerliche 15 Cents pro Acre (4000
Quadratmeter).
Der Gesamtbetrag von 26 Millionen Dollar wurde auf ein
Sperrkonto des Innenministeriums eingezahlt, wo er
noch heute liegt und einschließlich Zinsen
mittlerweile auf knapp 140 Millionen Dollar
angewachsen ist.
Als die Schoschonen das Geld weiterhin nicht
ausbezahlt haben wollten, entschied der weiße
Vater in Washington eben für sie. Das
Innenministerium, das nach US-Recht als Vormund aller
Indianer im Land agiert, akzeptierte das Geld im Namen
der Schoschonen.
- Der Oberste Gerichtshof schloss
sich 1985 dieser Auffassung an, und nun muss nur noch
der Kongress das Gesetz verabschieden, das die
Aufteilung der Gelder regelt: Gut 20.000 Dollar
für jeden der etwa 6500 Berechtigten.
-
- » Die entscheidende Frage
ist und bleibt: Wie habt ihr das Land gekriegt? Zeigt
mir die Eintragung im Grundbuch. «
-
- Ein Rechtstitel freilich
lässt sich daraus nicht ableiten, wie Raymond
Yowell betont, der seit 15 Jahren Häuptling der
westlichen Schoschonen ist: Die entscheidende
Frage ist und bleibt: Wie habt ihr das Land gekriegt?
Zeigt mir die Eintragung im Grundbuch."
- Doch die gibt es eben nicht,
und deshalb hegen auch die Amerikaner weiterhin
Zweifel, wie sicher ihre Ansprüche sind. Nevadas
Senator Harry Reid jedenfalls möchte
zunächst die Entschädigung vom Tisch haben,
bevor der Senat ein zweites Gesetz verabschieden kann,
das ihm am Herzen liegt, den Northern Nevada Land
Bill.
Dieser soll den Verkauf staatlicher Ländereien
regeln und fördern. Potenzielle Käufer, so
mutmaßt man beim Western Shoshone Defence
Project", würden wahrscheinlich verschreckt,
solange noch irgendwelche schoschonischen
Ansprüche bestehen, und seien sie auch noch so
umstritten.
Zwischen Mutter Erde und Justitia
Senator Reid hat jedoch Verbündete unter den
Schoschonen gefunden. Felix Ike vom schoschonischen
Stamm der Te-Moak hat kürzlich eine
Teilabstimmung unter seinen Leuten organisiert. Das
Ergebnis war eindeutig: Gut 90 Prozent wollten das
Geld. Wir sind es müde, noch länger zu
warten", meinte Ike. Die so genannten Traditionalisten
indes fechten die Abstimmung als unrepräsentativ
an.
Aber allen ist klar, dass mit der Auszahlung des
Geldes die Akte endgültig geschlossen würde.
Das hat große Symbolkraft", sagt Lois
Whitney, denn es wäre das Ende unserer
Hoffnungen. Und es wäre ein katastrophales Signal
für alle anderen indianischen Nationen."
»Die Erde gehört dir nicht. Wenn du stirbst,
kannst du sie nicht mitnehmen. Du gehst zurück in
die Erde. Du gehörst ihr. «
Felix Ike stimmt ihr zwar im Prinzip zu, aber er sieht
die Dinge realistischer: Die Traditionalisten
sagen immer: Mutter Erde steht nicht zum Verkauf",
höhnt er. Schön und gut. Aber ich muss
mich doch fragen, ob ich juristisch noch etwas tun
kann. Aber diese Mittel sind erschöpft."
Auch Carrie Dann und ihre ältere Schwester Mary
kennen sich aus mit dem Recht: Carrie ist Mitte 70,
Mary Anfang 80, und beide Frauen betreiben im
abgelegenen Crescent Valley bei Elko eine Ranch mit
hunderten Pferden und Rindern.
Sie haben lange genug prozessiert vor amerikanischen
Gerichten und einen Musterprozess geführt, um ein
für alle mal den Rechtsanspruch der Schoschonen
auf ihr traditionelles Land zu untermauern &endash;
vergeblich.
Nur eines kann Amerika ihnen und den anderen Indianern
nicht nehmen: den spirituellen Wert des Landes. Denn
nach indianischer Auffassung bedeutet Land nichts
geringeres als Leben. Ohne Land gibt es kein Wasser,
keine Nahrung, keine Tiere. Deshalb kann man Land
nicht aufteilen und verkaufen, ebenso wenig wie man
die Luft und das Wasser aufteilen und verkaufen
kann.
Die Erde gehört dir nicht", sagt Carrie und
streichelt zärtlich über das Gras.
Wenn du stirbst, kannst du sie nicht mitnehmen.
Du gehst zurück in die Erde. Du gehörst
ihr."
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